Freitagmorgen, 10:45, ich bin gerade im Bus auf dem Heimweg von der Rückbildungsgymnastik, ungeschminkt, verschwitzt, zottelige Haare, Kotzflecken auf dem Ärmel, Babykacke am Bein (was ich leider erst mittags entdeckte). Martha schläft friedlich an meiner Brust. Da steigt eine andere Mutter ein, das Kind nicht viel älter als Martha, im Maxi-Taxi. Die Mutter manikürt mit langen spitzen French-nails, geschminkt und frisiert wie Kleopatra und umgeben von Parfüm auf 10cm High Heels.
Neben dieser Beauty-Mom fühlte ich mich auf einmal sehr unwohl in meiner Haut. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen, schoss es mir durch den Kopf. Ich wollte doch nie so eine Frau werden, die sich selbst vernachlässigt wenn sie Kinder bekommt. Gefrustet stiefelte ich nach Hause und ließ meinen Frust an Nils aus, der es nun wirklich nicht verdient hat. "Für mich bist du immer noch wunderschön!" und ein paar Sätze später: "Was hast du da gelbes am Bein?" (siehe die oben genannte Babykacke).
Ja, als Mutter eines Neugeborenen steht das eigene Aussehen normalerweise hinten an. Gerade am Anfang ist man doch schon froh, wenn man es für eine Minute unter die Dusche schafft und die Zähne geputzt bekommt. Je älter das Kind dann wird, umso mehr Zeit kann man sich wieder für sich nehmen, aber stundenlange Frisörbesuche und Beautyabende im heimischen Badezimmer sind erst mal laaaaaaaaaaaaaaaaange nicht mehr drin.
Aber es ist nicht nur die Zeit die fehlt, vieles ist auch einfach unpraktisch. Zum Beispiel offene Haare! Tödlich sobald das Kind greifen kann! Also immer Zopf bzw. Dutt tragen. Lange Fingernägel gehen auch nicht ohne Gefahr zu laufen das Kind mit Kratzern zu entstellen.
Wenn man stillt ist man auch nochmal zusätzlich mit der Kleiderauswahl eingeschränkt, was man nicht schnell hochschieben, runterziehen oder aufknöpfen kann, bleibt im Schrank. Ich bin zu einem "Basic-T-Shirts im 2er Pack"-Fan geworden. Ich glaube die wurden für Mütter gemacht. Schnell gekauft ohne sie anprobieren zu müssen, günstig, und wenn man das gleiche Tshirt mehrfach hat, fällt es nicht auf wie oft man sich am Tag umgezogen hat weil man vollgekotzt wurde.
Überhaupt habe ich gar keine große Lust mehr für mich einzukaufen. Immer wenn ich mit dem Ziel für mich etwas zu kaufen in einen Laden gehe, komme ich mit was für Martha wieder raus.
99% der Zeit denke ich nicht über sowas nach, denn das Glück und die Freude mit Martha überwiegt einfach, aber es gibt Tage an denen ich mich (und sicher viele andere frische Mütter auch) in meiner Haut einfach unwohl fühle. Und ich denke man darf auch so ehrlich sein das mal zuzugeben. An manchen Tagen schaue ich in den Spiegel und denke mir "So sieht doch keine 24-jährige aus". Von der Schwangerschaft ist nicht mehr viel zu sehen, die Kilos sind wieder runter, aber der Körper ist trotzdem nicht mehr der alte, alles ist "weich" geworden, weich und kuschelig, so wie man seine eigene Mama noch in Erinnerung hat. Eigentlich perfekt von Mutter Natur geplant. Da können einem die Topmodels noch so sehr ein schlechtes Gewissen machen, wenn sie 8 Wochen nach der Geburt wieder in Unterwäsche über den Laufsteg rennen, ich wette mit euch, wenn sie sitzen fühlt sich ihr Bauch auch wie Hefeteig an....
Erst später am Tag kamen mir dann die richtigen Gedanken zu der morgendlichen Begegnung in den Sinn: "Wie kann sie mit den Fingernägeln das Kind hoch heben ohne es zu kratzen? Was macht das Kind während sie bei der Kosmetikerin ist? Spielt sie nicht mit dem Kind oder warum hat sie nirgendwo Dreck hängen?"
Irgendwann werde ich sicher auch wieder die Zeit haben mir die Haare zu färben, mich zu schminken und schick zu machen, irgendwann kommen Tage an denen ich nicht mehr nach Babykotze rieche und Kotz- Brei- oder Schlammflecken an meiner Kleidung kleben, aber bis dahin genieße ich es mit meinem großen Glück zu spielen und rum zu toben, zu kuscheln und zu trösten.
Ich bin von ganzem Herzen Mama, und das darf man mir auch mal ansehen.